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Wir haben das Prinzip der Resonanzen zwischen den Gatekeeper-Medien und dem vormedialen Raum nicht ohne Grund so ausführlich erläutert. Die Tatsache, dass es zu diesen Wechselwirkungen kommen kann, hat auch direkte Auswirkungen darauf, wie krisenhafte Situationen oder handfeste Reputationskrisen in der medialen Aufmerksamkeit verlaufen. Im Folgenden skizzieren wir drei prototypische Krisenverläufe, die Sie für Ihre Arbeit kennen sollten.
Wir haben verschiedene Krisen von Unternehmen, aber auch »Aufregerthemen«, die in den letzten Monaten im Social Web Beachtung fanden, beobachtet und in drei verschiedene Verlaufsmodelle gefasst. Wir sind zum Schluss gekommen, dass ein Problem im Social Web oft deutlich heißer gekocht wird, als es die Gatekeeper-Medien letztlich essen; wenn sie es denn überhaupt anrühren. Die drei abgestuften Verlaufstypen helfen Ihnen, im konkreten Falle die Lage sachlich einzuschätzen und einen kühlen Kopf zu bewahren.
Beim Blick auf den Verlauf von Kommunikationskrisen konzentrieren wir uns auf die zwei wichtigsten Dimensionen: Zeit und Intensität der Medienpräsenz. Wir gehen vereinfachend davon aus, dass die Medienpräsenz – wir nehmen hier das Vorhandensein des Themas in klassischen und sozialen Medien zusammen – zum überwiegenden Teil das Kernthema der Krise, das Issue, zum Inhalt hat. Im besprochenen Fall wäre es das schadhafte Seil. Je stärker die Medienpräsenz ausfällt, desto ausgeprägter die Krise. Ferner gehen wir davon aus, dass eine Krise, die schnell vorbei ist, im Vergleich zu einer lang andauernden Krise das geringere Übel ist, ganz nach dem Motto: »Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.«
Jede Krise hat eine Verlaufskurve, die sich in drei Phasen unterteilen lässt. Wie lang jede Phase ist und wie stark die Ausschläge bei der Medienpräsenz sind, hängt unter anderem davon ab, welchen Nachrichtenwert das Krisenthema hat.
Die Vor-Krisenphase oder Inkubationsphase, ist geprägt durch einen leichten Anstieg des Volumens kritischer Beiträge zum Thema in den Medien. In dieser Phase ist der Handlungsspielraum des Unternehmens am größten, und bei einer gezielten Intervention kann mit verhältnismäßig geringem Aufwand eine Eskalation vermieden werden. Wird diese Gelegenheit verpasst, steigt die Fieberkurve steil an und leitet die
Hauptphase der Reputationskrise ein. Sie ist durch eine hohe Medienaufmerksamkeit gekennzeichnet, das Unternehmen wird von der Krise getrieben und kann nur noch reagieren, statt selbst zu agieren. Es ist Spielball der medialen Diskussion und nicht selbstbestimmter Akteur.
Die Nach-Krisenphase schließlich ist geprägt von abflachendem Medieninteresse. Das Krisenthema wird von anderen Themen verdrängt. Die Krise ist zumindest medial ausgestanden. Aus den Köpfen der Menschen ist das negativ belegte Thema aber noch lange nicht verschwunden. Für das Unternehmen beginnt jetzt die schwierige Aufgabe, verlorenes Vertrauen wiederzugewinnen und die angeschlagene Reputation wiederherzustellen.
Trotz der wachsenden Bedeutung des Social Web auch als Ausgangspunkt von krisenhaften Entwicklungen haben die meisten PR-Krisen auch heute noch ihren Ursprung in den Gatekeeper-Medien. Denken Sie zum Beispiel an die Ölpest im Golf von Mexiko infolge eines Unglücks auf einer im Auftrag von BP betriebenen Bohrinsel im Sommer 2010. Diese Katastrophe war von so großem gesellschaftlichem und politischem Interesse, dass die klassischen Medien darüber berichteten und die öffentliche Aufmerksamkeit auf das technische und organisatorische Versagen des Ölkonzerns lenkten. Der prototypische Verlauf solcher »klassischer Reputationskrisen« in den Gatekeepermedien ist wie folgt:
Vor-Krisenphase: Überraschendes Auftreten der Krisenursache, sehr schneller Anstieg der medialen Aufmerksamkeit online und über Broadcast-Medien binnen eines oder anderthalb Tagen.
Hauptphase: Skandalisierung des Problems durch Print-Medien, Ursachenforschung und Suche nach Verantwortlichen durch die Online- und Broadcast-Medien über ein bis drei Tage, ohne Beseitigung der Ursache auch deutlich länger. Das Unternehmen gibt Statements und versucht ungerechtfertigte Forderungen abzuwehren und seine Handlungsfähigkeit zu beweisen.
Nach-Krisenphase: Langsam abflauendes Medieninteresse, entweder durch eine Lösung des Problems oder weil zu diesem Zeitpunkt »alles gesagt« ist und andere Themen in den Fokus rücken.
In solchen Reputationskrisen herkömmlicher Prägung verläuft die Aufmerksamkeit für das Thema im Social Web in etwa parallel zu den Gatekeeper-Medien. Einzig gleich zu Beginn in der Vor-Krisenphase kann das Social Web seine Geschwindigkeitsvorteile ausspielen und binnen weniger Stunden die Aufmerksamkeit sehr vieler Menschen auf das Problem lenken. Dabei wird aber in aller Regel auf die Inhalte von Gatekeeper-Medien verlinkt, die sich durch den Zuwachs an Besuchen auf ihren Webportalen darin bestärkt sehen, das Thema weiter zu verfolgen.
Abbildung 4.8 Bei einer klassischen Reputationskrise folgt die Präsenz in Social Media dem Verlauf der Präsenz in den klassischen Medien. Nur ganz zu Beginn der Krise kann das Social Web seinen Geschwindigkeitsvorteil ausspielen.
Für die kommunikative Kriseneindämmung ist es jedoch wichtig, dass das Unternehmen das Online-Publikum über seine Website genauso schnell und umfassend informiert wie die Vertreter der Presse. Gerade wenn etwas schief läuft, wollen sich die Menschen ein Bild davon machen, wie ernst das Unternehmen sie als direkt Betroffene nimmt. Entsprechend müssen Krisenpläne eine schnelle Bereitstellung von Informationen und Stellungnahmen auf der Website vorsehen. Social-Media-Kanäle können ihr Übriges dazu leisten, informationshungrige Onliner auf das Informationsangebot zu verweisen und ein weiteres Aufschaukeln der Krise durch medienübergreifende Resonanzen zu vermeiden.
Die Natur des Social Web mit seinen vielen oft meinungsstarken Akteuren und der starken Vernetzung bestimmter Interessengruppen untereinander trägt maßgeblich dazu bei, dass kontroverse Themen im Social Web schnelle Verbreitung finden, sich krisenhaft entwickeln. Beispielsweise wurde die Facebook-Verkaufsaktion der Deutschen Bahn mit dem Namen »Chefticket« im Oktober/November 2010 im Social Web teils heftig und kontrovers diskutiert. Dabei wurde der Bahn von verschiedenen Seiten mangelnde Professionalität im Umgang mit Facebook vorgeworfen und unterstellt, man habe nicht damit gerechnet, dass die Facebook-Seite von Gegnern des Bahnhofsprojekts »Stuttgart 21« mit negativen Kommentaren gekapert werden könne. Außerdem wurde der zugehörige Film, in dem ein Hahnenkampf zu sehen war, von Tierschützern kritisiert.
Brouhaha bedeutet so viel wie Aufregung, Aufruhr, lebhafte Diskussion oder Gezeter. Brouhaha hat sich als Begriff für schnell aufkommende, erregte Diskussionen im Web eingebürgert.
Für die Bahn war die Aktion, bei der günstige Bahntickets über Facebook vermarktet wurden, jedoch ein voller Erfolg (siehe dazu im Detail auch Kapitel 8). Rund 140.000 Tickets wurden abgesetzt, über 57.000 Fans bei Facebook gewonnen, die auch nach dem Ende der Verkaufsaktion der Seite treu blieben, obwohl sie zunächst in eine Art Winterschlaf versetzt wurde. Aber eine Reputationskrise in den Gatekeeper-Medien blieb aus. Allein einige Marketing-Fachtitel begutachteten die Aktion aus einem professionellen Blickwinkel mal mehr, mal weniger kritisch.
Das »Chefticket« ist deshalb ein typisches Beispiel für einen Social Media Brouhaha, einen Aufreger, der nur ein begrenztes Publikum zu kritischen Kommentaren veranlasst hat, darüber hinaus aber keine nachhaltig reputationsschädigende Wirkung entfaltete. Auch eine nennenswerte Resonanz in Gatekeeper-Medien bleibt aus.
Abbildung 4.9 Bei einem Brouhaha ist die Aufregung im Social Web groß, sie erzeugt aber nur geringe Resonanzen in den klassischen Medien.
Der Social-Media-Aufreger in den drei Phasen:
Vor-Krisenphase: Einzelne Kritiker entdecken das Thema für sich und beziehen mit deutlich bis drastisch formulierten Kommentaren negativ dazu Stellung. Diese erfahren über Twitter und Facebook eine schnelle Verbreitung.
Hauptphase: Binnen eines Tages erfährt das Thema große Aufmerksamkeit im Social Web. Besonders gut abzulesen an der Menge der mit dem zugehörigen Hashtag gekennzeichneten Tweets und einer Reihe weiterer Blogposts und Kommentare, die sich auf die ersten Kritiker beziehen. Einzelne redaktionelle Online-Medien entdecken das Thema und berichten eher beschreibend. Die Relevanz des Themas reicht aber nicht für einen großen Aufmacher.
Nach-Krisenphase: Nach zwei bis drei Tagen ebbt das Interesse der Netzgemeinde ab, man kommentiert vielleicht noch die Tatsache, dass das Thema inzwischen auch in Printmedien angekommen ist. Kurz darauf ist der Brouhaha vorbei.
Während der Brouhaha für das betreffende Unternehmen glimpflich ausgeht und mit etwas Gelassenheit zu bewältigen ist, kann eine Social-Media-Resonanzkrise ernsten und langfristigen Schaden anrichten. In ihrem Verlauf verstärken sich nämlich die Beurteilung der Situation durch die Onliner im Social Web und die Berichterstattung der Gatekeeper-Medien gegenseitig.
Bekannte typische Beispiele für eine Resonanzkrise sind die Fälle des Sportartikelherstellers JAKO und des Outdoor-Ausrüsters Jack Wolfskin. Beide Unternehmen hatten aus unterschiedlichen Gründen Privatpersonen anwaltlich abgemahnt und eine strafbewehrte Unterlassungserklärung verlangt. Im Fall JAKO ging es um kritische Äußerungen des Bloggers »Trainer Baade« über ein neues Logo-Design von JAKO. Und Jack Wolfskin mahnte Hobbybastlerinnen ab, die auf der Plattform Dawanda.de Textilien mit einem Tatzenmotiv angeboten hatten (siehe auch Kapitel 2). Jack Wolfskin machte ihnen gegenüber Markenrechte geltend. Das Logo des Unternehmens zeigt den stilisierten Abdruck einer Wolfstatze.
Beide Fälle wurden im deutschsprachigen Social Web heiß diskutiert. Das Verhalten der Unternehmen wurde als unverhältnismäßig hart und dem Anlass nicht angemessen kritisiert. Insbesondere die kostenbewehrten Abmahnungen wurden als für die Betroffenen existenzbedrohend eingeschätzt. Tenor: Die großen Unternehmen treiben mit ihren Anwälten die kleinen Bastler und Blogger in den Ruin. Eine klassische David-gegen-Goliath-Situation.
Bis hierhin, einem Zeitpunkt früh in der Vor-Krisenphase, hätte es noch ein Social Media Brouhaha bleiben können. Jedoch erregten die Fälle auch die Aufmerksamkeit von Marketing-Fachjournalisten und Redakteuren bei Wirtschafts- und Tageszeitungen, die selbst gut mit der deutschen Szene vernetzt sind. Sie brachten die beiden Fälle binnen Kurzem ins Blatt und auf die Newsportale ihrer Publikationen.
Was dann passierte, ist symptomatisch für eine Resonanzkrise. Die Aufmerksamkeit der klassischen Medien, die auch online kommunizieren, sorgte für ein weiteres Ansteigen des Präsenzniveaus im Social Web, was wiederum weitere Medien auf den Zug aufspringen ließ. Es fand also eine gegenseitige Verstärkung, eine Resonanz im wahrsten Sinne des Wortes statt.
Abbildung 4.10 Bei Social-Media-Resonanzkrisen nehmen Gatekeeper-Medien ein Thema aus dem Social Web auf. Das führt zu einer Verlängerung des Krisenverlaufs durch die Resonanzen zwischen beiden Mediengruppen.
Vor-Krisenphase: Schnelles Anwachsen des Kommentarvolumens im Social Web, hoher Anteil Retweets mit Links auf Blogposts, die das Problem beschreiben. Erste Meldungen in Gatekeeper-Medien.
Hauptphase: Ausführliche Beschreibung und Bewertung des Issues in Gatekeeper-Medien, daraufhin weiterer Anstieg des Volumens an Kommentaren und Posts im Social Web, diesmal mit Bezug auf die Gatekeeper-Medien. Jede Reaktion des Unternehmens wird auf beiden Ebenen bewertet und kommentiert.
Nach-Krisenphase: Nachlassendes Volumen der Berichterstattung, in etwa paralleler Verlauf in Social Web und klassischen Medien, wobei im Social Web oft noch Nachbetrachtungen der Krise publiziert werden.
Die Konsequenz aus dieser Wechselwirkung ist, dass die Hauptphase der Krise länger andauert und von höherer Medienpräsenz des Themas geprägt ist, als dies bei einer klassischen Reputationskrise der Fall gewesen wäre. Resonanz sorgt also für eine Verlängerung der Krise.
Ein möglicher Grund für den starken Resonanzeffekt liegt im Fall der beiden Beispiele JAKO und Jack Wolfskin darin, dass die Unternehmen auf dem Höhepunkt der Aufmerksamkeit sehr lange gebraucht haben, um selbst zu den Vorwürfen der Netzgemeinde Stellung zu beziehen. Sie wurden offenbar kalt erwischt. Übrigens ereigneten sich beide Situationen im Sommer und trafen somit auf nachrichtenhungrige Medien, während, zumindest im Falle von JAKO, die verantwortliche PR-Person im Urlaub war.