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Vorwort

Vorwort

Die Erstausgabe dieses Buchs kam im Jahr 2005 zeitgleich mit Google Earth auf den Markt. Die (GIS-)Welt hielt den Atem an – war das Ende der Welt jetzt abzusehen? Zehntausende von Geografen und GIS-Spezialisten arbeitslos, über Nacht degradiert zu vorsintflutlichen Software-Abenteurern, die noch wussten, wie 3 MByte große Dateien auf vier biegsame Datenträger (Floppys) verteilt werden mussten, um sie dem wissenschaftlichen Mitarbeiter zum Ausdrucken im Rechenzentrum mitzugeben. Lebende Anachronismen – und das ist noch gar nicht so lange her!

Was ist geschehen? Das Internet ist über uns gekommen, so langsam, dass wir es fast nicht bemerkt hätten, und gleichzeitig so schnell und weltumspannend wie keine Kulturtechnik je zuvor. Das erste Mal in der bekannten Menschheitsgeschichte ist es möglich, von jedem Ort auf der Welt zu jedem anderen Ort Kontakt aufzunehmen, zeitgleich und sofort. Eine unglaubliche Gleichschaltung ist im Gange, alles wird virtuell, Grenzen fallen, Konzerne operieren global, ehemals enorme Strecken werden durch Glasfaserleitungen bei knapp Lichtgeschwindigkeit zum Nichts. Der Raum, wie wir Alten ihn noch kannten, hat sich aufgelöst.

Was uns geblieben ist aus der Pionierzeit der Computerei, ist ein Symbol in der Werkzeugleiste der Software, das uns mahnt, wie schnell die Zeit vergeht. Sie wissen, wovon ich spreche? Oben genannter Datenträger, auch bekannt als »Diskette«, ziert noch immer als Ikone der Vergänglichkeit den Knopf, mit dem wir Dateien speichern. Denn dafür gibt es kein Symbol. Die Möglichkeit, etwas verlustfrei zu speichern, es für die (zumindest eingebildete) Ewigkeit unveränderlich aufzubewahren, ist ein Konzept, das unsere eigene Vergänglichkeit vergessen macht. Ebenso wie wir im Raum gefangen sind und täglich im Stau verhöhnt werden von den Informationsfetzen, die uns mit nahezu Lichtgeschwindigkeit überholen. Von wegen, es gäbe keinen Raum mehr und Distanzen seien geschrumpft ...

Karten biegen die Virtualität zurück auf den realen Raum; durch die viel beschworene digitale Autobahn sind sie zu sprichwörtlichem neuem Leben erwacht und mehr denn je ein Werkzeug des Alltags geworden. Sei es als animierte Weltkugel, die über unsere Computer-Arbeitsflächen rollt oder als Navigations-Helferlein in unserem heimlichen Wohnzimmer, dem Automobil. Karten ermöglichen es, uns virtuell aus der Enge unserer eigenen physischen Trägheit zu erheben. Blitzschnell zaubern wir andere Länder auf unseren Bildschirm und fragen Daten ferner Orte ab.

Was hat das alles mit dem Buch zu tun, das Sie gerade in Ihren Händen halten? In dem vorliegenden Werk finden Sie eine gelungene Mixtur aus Einsteigerlektüre bis hin zu Extremistenspezialistenwissen rund um digitale Karten. Egal ob Sie dieses Wissen für Ihre Arbeit brauchen oder fürs Studium, ob Sie eine Karte in die eigene Webseite integrieren möchten oder ob Sie einfach mal gern jenseits der ausgetrampelten Pfade schnöder Straßen- und Luftbildkarten durch die Welt surfen möchten – hier werden Sie fündig. Das Buch aber will mehr, es sieht Sie nicht als reinen Konsumenten, sondern will Sie befähigen, selbst zum Kartenautor zu werden. Die vorgestellten Technologien sind komplex und werden täglich im professionellen Kontext genutzt, sind aber durchaus beherrschbar geblieben. Viel wichtiger ist jedoch, dass Sie alle Open Source-Komponenten vollkommen legal und ohne doppelten Boden verwenden können, weil sie als Freie Software lizenziert sind.

Ich traf Tyler Mitchell zum ersten Mal persönlich auf der OSGIS-Konferenz 2004 in Ottawa, Kanada (http://omsug.ca/osgis2004/program.html). Zu der Zeit nahm dieses Buch erste Formen an. Im Erscheinungsjahr 2005 war ich auch wieder auf der MapServer-Konferenz, und wir überlegten gemeinsam, ob es wohl einen deutschsprachigen Markt gäbe. Google Earth, VirtualEarth, WorldWind und all die anderen haben es zur gleichen Zeit geschafft, geografische Daten und Karten populär und massentauglich zu machen.

Anfang 2006 wurde die Non-Profit Open Source Geospatial Foundation (http://www.osgeo.org) gegründet. OSGeo unterstützt und fördert Open Source-Projekte in der räumlichen Datenverarbeitung auf organisatorischer, legaler, technischer und finanzieller Ebene. Ende 2006 wurde Tyler Mitchell zum Executive Director der OSGeo bestellt und hat seitdem die Organisation maßgeblich mit konsolidiert und auf ein solides Fundament gesetzt. Inzwischen verlassen sich Hunderte von Entwicklern auf die technischen Infrastrukturen der OSGeo (im Oktober 2007 genau 185), um qualitativ hochwertige Software zu implementieren und zu pflegen. Tausende von Anwendern profitieren davon und verbreiten die Technologien auf allen Ebenen der Industrie, Verwaltung, Forschung und Bildung.

In der Zwischenzeit ist also viel passiert, und es wurde Zeit, das Buch zu überarbeiten. Die deutsche Übersetzung war Anlass, das zu tun. Astrid Emde hat mit unendlich viel Detailwissen die Inhalte auf den neuesten Stand gebracht, erweitert und ergänzt. Gemeinsam haben wir den Fokus mehr in Richtung offener und standardisierter Schnittstellen verschoben, ein weiteres Tribut an die immer bessere Vernetzung. Zwei Projekte haben wir ganz neu hinzugenommen, das Desktop-GIS Quantum GIS und die webbasierte Entwicklungsplattform Mapbender, die vor allem im deutschsprachigen Raum weit verbreitet ist.

Viele tausend Menschen verdienen inzwischen ihr täglich Brot mit Dienstleistungen rund um Freie und Open Source-Software, es ist ein stetig wachsender Markt. Aber noch immer gibt es auch große Unsicherheit, ob es denn bei Open Source mit rechten Dingen zugehe – und das, obwohl Urgesteine wie die Firma IBM längst die Vorteile erkannt haben und für sich wirtschaftlich nutzen. Wenn dieses Buch in der Lage ist, die Vielfalt, Zuverlässigkeit und Leistungsfähigkeit der Open Source-Software im Geodatenbereich zu dokumentieren, dann hat sich die Arbeit gelohnt.

Viel Spaß bei der Lektüre wünscht

Arnulf Christl

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